Gottesdienste

Die Zeichen der Zeit erkennen — das war der Leitgedanke für vieles, was in den letzten Wochen erklärt und beschlossen wurde. Dabei wurden die Verantwortlichen von der Sorge um die Zukunft geleitet. Sicherlich keine einfache Aufgabe, die Zeichen der Zeit zu erkennen und danach zu handeln.

Die Zeichen der Zeit zu erkennen und richtig zu handeln, auch gegen Widerstände, das ist wichtig. Vor uns lieg die Woche vor Ostern. Am Sonntag denken wir an Jesu Einzug in Jerusalem, seinen triumphalen Empfang. Haben die Menschen damals die Zeichen der Zeit erkannt — und was ist mit uns?

Der Evangelist Markus berichtet aus den letzten Tagen Jesu in Jerusalem von einem besonderen Zeichen, das nicht von allen gleich erkannt wurde.

Stellen wir uns doch einmal vor, wir wären mit dabei gewesen. Jesus, der Wanderprediger aus Galiläa, hat mit seinen Leuten ein bescheidenes Quartier in der Nähe Jerusalems gefunden. Man sitzt gerade beim Essen. Da

erscheint eine Frau mit einem Glasgefäß. Es enthält kostbares, wohlriechendes Nardenöl. Der Inhalt des Glases ist so teuer, dass man einem Arbeiter etwa ein Jahr lang hätte seinen Lohn zahlen können. Und plötzlich zerbricht sie das Glas und gießt das teure Salböl über den Kopf Jesu. Nicht nur, dass sie damit die Mahlzeit stört – das mag ja schon ärgerlich genug sein. Noch merkwürdiger aber ist ihre Unvernunft, eine solche Kostbarkeit Jesus auf seinen Kopf zu gießen, ihm, Jesus aufs Haupt, der doch sonst keinerlei Besitz hatte und dem vor allem die Armen am Herzen lagen. Plötzlich wird er zum Objekt einer solchen duftver­sessenen, verschwendungssüchtigen Frau. Ich vermute, wir wären genauso entsetzt wie einige von denen, die damals mit dabei waren.

„Was soll diese Verschwendung? Hätte man dieses kostbare Fläschchen nicht verkaufen können und das Geld den Armen geben?“ Da fallen einem wahrscheinlich hundert andere Dinge ein, für die wir das Geld hätten einsetzen können. Und vielleicht hätten manche hinzugefügt: „Was ist das nur für eine aufdringliche Frau! Kann sie denn ihre Gefühle nicht im Zaume halten? Sie vergisst ja alle Regeln des Anstands.“ Ich kann mir gut vorstellen, wie unangenehm mir das Verhalten dieser Frau gewesen wäre und wie sicher ich davon ausgegangen wäre, dass Jesus wohl ebenso empfinden würde wie ich.

Aber Jesus verhält sich ganz anders, als es alle von ihm erwarteten. So schnell passt er offenbar nicht in unsere Schubladen. Er sitzt da in seinem einfachen, fast schäbigen Gewand und lässt die Frau gewähren. Die teuren Tropfen träufeln auf sein Haupt – kein Wider­spruch. Der luxuriöse Duft entfaltet sich – Jesus ist es nicht peinlich. Nein, er stellt sich vor die Frau und spricht: „Lasst sie in Frieden! Sie hat ein gutes Werk an mir getan.“

Diese Frau hatte die Zeichen der Zeit verstanden. Sie wusste, Jesu Tod steht bevor, der triumphale Einzug war nur der Auftakt der Tage, die in einer Tragödie enden werden.

Die Frau hat das Zeichen der Zeit erkannt. Sie hat die Ölung vorgenommen, wie eine Salbung zum König. Gegen alle Widerstände hat sie mutig und zielstrebig gehandelt, so dass sie bis heute Vorbild ist.

Wie die Frau damals sind wir heute aufgefordert die Zeichen unserer Zeit zu erkennen, und mutig und zielstrebig zu handeln. Dazu gehört in diesen Tagen, Hoffnung zu haben, und Vertrauen in die Zukunft mit Gott.

Das fällt in diesen Tagen einigen vielleicht schwerer als sonst. Doch gerade in diesen Tagen, die von der Corona-Pandemie gekennzeichnet sind, in der so viel Unsicherheit herrscht und kein Mensch eine einfache Lösung hat. Doch gerade in diesen Tagen kann ein Blick auf Jesu letzte Tage helfen. Aus der scheinbaren Katastrophe am Karfreitag konnte neue Hoffnung geweckt werden, weil Ostern kommt. In der Silberstedter Kirche haben Konfirmandinnen und Konfirmanden das mit der Gestaltung des Kreuzes deutlich gemacht. Jedes Teil ist verziert und erinnert an Ostern. Zusammen gesetzt ergeben sie das Kreuz als Zeichen des Todes Jesu.

Unser Glaube wird da lebendig, wo wir die Zeichen der Zeit erkennen, die uns darauf hinweisen: Gott bleibt nicht in der Katastrophe stehen — er schafft immer wieder Neus Leben.

Fürbittengebet:

Ewiger Gott,
Wir bitten dich: gib uns die nötige Ruhe für diesen Augenblick und sei bei uns.
Wir danken dir für alles, was in unserem Leben gelungen ist.
Wir bitten dich um Vergebung für die Yeiten, in dene wir dich, einander und uns selbst nicht lieben konnten.
Wir bitten dich für alle, die deinen Trost und deine Fürsorge brauchen.
Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

frühere Andachten:

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